Halle (Saale), Franckesche Stiftungen (Haus 51)

Die Ansiedlung des Seelsorgeseminars in den Franckeschen Stiftungen
Text: Franckesche Stiftungen / AIC Planungsgesellschaft

Dem Seelsorgeseminar bieten sich in den Franckeschen Stiftungen vielfache Vernetzungsmög-lichkeiten, einerseits mit Blick auf die kirchlichen Einrichtungen in den Stiftungen wie die theologische Fakultät, das theologische Konvikt sowie das Mitteldeutsche Bibelwerk. Andererseits gibt es auf dem Gelände zahlreiche kulturelle, soziale und geisteswissenschaftliche Ein-richtungen mit entsprechenden ganzjährigen Angeboten wie z. B. Ausstellungen, Konzerten, Vortragsreihen und geselligen Veranstaltungen, die auch dem Seelsorgeseminar sowie seinen Teilnehmern und Gästen offenstehen. Darüber hinaus kann das Seminar an der hervorragenden Infrastruktur in der historischen Schulstadt partizipieren, bei Bedarf die Georgs-Kapelle, die Bibelmansarde, die Konferenzetage sowie Vortragssäle in unterschiedlicher Größe mitnutzen, darunter der Englische Saal und der Freylinghausen-Saal.
Für die Franckeschen Stiftungen wäre die Ansiedlung des Seelsorgeseminars auf dem Stif-tungsgelände eine willkommene Ergänzung ihrer satzungsgemäßen Aufgaben und der eingeschlagene Weg würde fortgesetzt, die historische Schulstadt als vielseitigen Bildungsstandort zu profilieren und die hier tätigen Einrichtungen untereinander zu vernetzen. Mit dieser Ansiedlung würden sich die Franckeschen Stiftungen verstärkt zu einem Anlaufpunkt für Theologen und kirchliche Mitarbeiter aus ganz Mitteldeutschland etablieren.

Entwurfszeichnung der Ostfassade.
Entwurfszeichnung der Ostfassade.
Entwurfszeichnung der Nordfassade.
Entwurfszeichnung der Nordfassade.

Geschichte des historischen Krankenhauses
Text: Franckesche Stiftungen / AIC Planungsgesellschaft

Die Franckeschen Stiftungen verkörpern heute ein vollständig erhaltenes weltweit einzigartiges Ensemble sozialer und pädagogischer Zweckarchitektur aus der frühen Neuzeit. Der Stifter August Hermann Francke (1663 – 1727) wollte mit seinen Anstalten eine idealtypische Umgebung zur Umsetzung seiner innovativen Bildungs- und Erziehungskonzepte schaffen. So entstand im frühen 18. Jahrhundert eine ganze Schulstadt mit einer hoch entwickelten Infrastruktur und Gebäuden, die bis heute herausragende historische Bedeutung besitzen. Dazu gehört in besonderem Maße auch das Krankengebäude, dessen Bedeutung für die europäische Medizin-geschichte nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Es wurde 1721 im südlichen Teil des Anstaltsgeländes errichtet, bereits damals aus medizinischen Gründen bewusst abseits der anderen Häuser, im Grünen gelegen mit hellen luftigen Räumen, um den Genesungsprozess der Patienten zu befördern. Es war das erste Gebäude auf dem Gelände, welches vollständig aus Stein erbaut wurde und sogar einen eigenen Baderaum aufwies. Bis dahin hatte die Versorgung der Kranken in teils unzureichenden Räumlichkeiten stattgefunden. In dem Krankengebäude arbeiteten die Waisenhausärzte, die gleichzeitig auch Professuren an der Medizinischen Fakultät der Universität innehatten. Der berühmte Mediziner und Waisenhausarzt Johann Juncker (1679 – 1759) hatte bereits 1717 die systematische Ausbildung der Studenten am Krankenbett eingeführt. Diese Art des praktischen Unterrichts gab es bis dahin nur an den Uni-versitäten in Leiden und Wien. Neben den „normalen“ Krankheiten sollten sich die Studenten auch mit Handgriffen der Chirurgie vertraut machen und so standen auch Sektionen auf der Tagesordnung. Diese frühe Lehrambulanz institutionalisierte sich endgültig mit dem Bau des Krankenhauses auf dem Stiftungsgelände. Zudem wurden hier auch Armensprechstunden abgehalten, um insbesondere sozial benachteiligte Bevölkerungskreise an einer qualitätvollen medizinischen Versorgung teilhaben zu lassen.

Westansicht während der Ausführung (2014).
Westansicht während der Ausführung (2014).
N/O- Ansicht während der Ausführung (2015).
N/O- Ansicht während der Ausführung (2015).
N/O- Ansicht während der Ausführung (2015).
N/O- Ansicht während der Ausführung (2015).
Westansicht während der Ausführung (2015).
Westansicht während der Ausführung (2015).

 

Beitrag der „Mitteldeutschen Zeitung“, 30. Januar 2016:

Franckesche Stiftungen in Halle
Neues Seelsorge-Seminar als nächstes Schmuckstück

 

Die neuen Nutzerinnen im Gespräch mit dem Architekten: Seminarleiterinnen Theresa Rinecker (links) und Hildegard Hamdorf-Ruddies stehen mit Thomas Zaglmaier in einem Kursraum, der im Keller entstanden ist. (BILD: JENS SCHLÜTER)
Die neuen Nutzerinnen im Gespräch mit dem Architekten: Seminarleiterinnen Theresa Rinecker (links) und Hildegard Hamdorf-Ruddies stehen mit Thomas Zaglmaier in einem Kursraum, der im Keller entstanden ist.
(BILD: JENS SCHLÜTER)

VON PETER GODAZGAR
Erbaut wurde es vor fast 300 Jahren als Kinderkrankenhaus. Nun beherbergt das Haus 51 auf dem Gelände der Franckeschen Stiftungen das Seelsorge-Seminar der Evangelischen Kirche.

HALLE (SAALE).
Es liegt etwas abseits, aber es gehört zu den ganz besonderen Gebäuden – und das will was heißen auf dem mit besonderen Gebäuden ja nun überreich gesegneten Gelände der Franckeschen Stiftungen. Das Haus 51 war einst das Kinderkrankenhaus der Stiftungen. 1721 wurde es erbaut – wohlweislich mit etwas Abstand zu den anderen Gebäuden und als erstes Haus des Ensembles vollständig aus Stein errichtet.

Und wieder einmal nahmen die Stiftungen eine Vorreiterrolle ein: Der Mediziner und Waisenhausarzt Johann Juncker (1679-1759) nutzte das Kinderkrankenhaus nämlich auch zur systematischen Ausbildung von Medizinstudenten am Krankenbett. Diese Art des praktischen Unterrichts gab es bis dahin nur an den Universitäten im holländischen Leiden und in Wien.

Neue Bestimmung

Fast 300 Jahre später und nach zuletzt einer kurzen Zeit des Leerstands hat das Haus eine neue Bestimmung erhalten: Nach der Bundeskulturstiftung beherbergt es nun das Seelsorge-Seminar der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Pfarrer sowie alle, die haupt- oder nebenamtlich in Gemeinden, Krankenhäusern, diakonischen Einrichtungen oder anderswo seelsorgerisch tätig sind, können sich dort in Kursen auf ihren Dienst vorbereiten lassen und während dieser Zeit dort auch wohnen.

Gleichzeitig gibt die EKM ihre bislang zwei Seminar-Standorte auf: in Halle bei der Diakonie in der Lafontainestraße und in Weimar. Leiterinnen des Seminars sind die Pastorin Theresa Rinecker und die Provinzialpfarrerin Hildegard Hamdorf-Ruddies. Nun luden sie erstmals zur Erkundung des neuen Hauses ein. Auch Landesbischöfin Ilse Junkermann kam zur Erteilung des Segens und befand: „Es ist ganz wunderbar geworden.“

Zur Eröffnung des Seelsorge-Seminars gab es auch Musik. (BILD: JENS SCHLÜTER)
Zur Eröffnung des Seelsorge-Seminars gab es auch Musik.
(BILD: JENS SCHLÜTER)

Das ist es, in der Tat. Dass auch diesmal mit größter Liebe zum Detail gearbeitet wurde, muss man kaum betonen. So finden sich am und im Gebäude Original-Dielungen, Türen und sogar ein erhaltenes Fenster samt Glasscheiben aus dem 18. Jahrhundert. Mehr als 2,1 Millionen Euro hat die Sanierung gekostet. Der Großteil, fast 700.000 Euro, kam vom Kultusministerium, der Bund gab rund 630 000 Euro dazu, die evangelische Kirche und die Franckeschen Stiftungen jeweils rund 400 000 Euro. Die offizielle Schlüsselübergabe im Beisein der Geldgeber wird es Ende März geben.

Stiftungssprecherin Kerstin Heldt findet, mit der neuen Nutzung werde der christliche Gedanke der Stiftungen aufs Schönste gestärkt. Tatsächlich lässt sich der große inhaltliche Bogen wohl noch weiter spannen. Im Haus 51 wurden nämlich nicht nur die kranken Waisenhaus-Bewohner gepflegt, sondern auch Armensprechstunden abgehalten – gedacht, um auch den sozial benachteiligten Teil der Bevölkerung an der medizinischen Versorgung teilhaben zu lassen. Man darf davon ausgehen, dass dies seinerzeit auch mit seelsorgerischem Gedanken geschah.

Kernbau von 1721

Verantwortlich für die Ausführung waren der Architekt Thomas Zaglmaier und der Bauingenieur Manfred Arlt. Eine ebenso reizvolles wie herausforderndes Projekt sei das gewesen, sagt Zaglmaier. Neben dem Kernbau von 1721 gibt es an der West- und der Ostseite zwei Anbauten, die im 19. Jahrhundert entstanden sind. Auch dort lassen sich Spuren Franckescher Fortschrittlichkeit finden: ein Wassertretbecken. Es ist zwar nicht mehr erhalten, aber sein einstiger Standort ist durch andersfarbige Steine im Boden gekennzeichnet. (mz)